< Alle Wissenschaftsnachrichten
 

Interview

"Eine spannende Umbruchssituation"

Prof. Dr. Henrike Lähnemann im Gespräch mit AcademiaNet

10. 2. 2011 | Die Mediävistin und Handschriftenforscherin Henrike Lähnemann, Lehrstuhlinhaberin an der Universität Newcastle (UK), über ihre Rolle als Germanistin im Ausland, Mentoring an englischen Universitäten und ihr Herzensprojekt, die Medinger Handschriften digital.

AcademiaNet: Sie haben sich auf Mediävistik, also die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter, spezialisiert – was hat Ihre Leidenschaft für dieses Fachgebiet entfacht?

Frau Prof. Lähnemann: Was mich immer fasziniert hat, waren mittelalterliche Handschriften. Die erste Ausstellung, die ich im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg sah, war der Codex Echternach. Dabei fand ich das äußere Erscheinungsbild und die Texte gleichermaßen spannend und wusste lange nicht, ob ich eigentlich im Museum, in einer Bibliothek oder in der Germanistik arbeiten will. Was mich dann zur Germanistik und darin besonders zur Mediävistik trieb, war mein allererster Uni-Eindruck - eine Minnesangvorlesung von Christoph Huber - und das Vorbild meiner Großmutter Eleonore Benary, die 1932 über "Liedformen der deutschen Mystik" promoviert hatte. Auf ganz anderen Wegen als sie damals, bin ich im letzten Jahr bei genau den gleichen Texten angelangt: ein Déjà-vu-Erlebnis der besonderen Art.

Ein Themenbereich fällt bei Ihren Veröffentlichungen und Projekten besonders ins Auge: Die Beschäftigung mit und Bearbeitung von Schrifttum aus dem Zisterzienserinnenkloster Medingen. Welche Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen?

Die Medinger Nonnen haben Ende des 15. Jahrhunderts in ihren Meditationstexten und Gebetbüchern auf ganz moderne, ja fast post-moderne Art das mittelalterliche monastische Wissen und populäres Gedankengut verarbeitet und verbreitet. Liturgiezitate verschmelzen mit deutschen Liedern, werden Lateinisch und Deutsch kommentiert und zu neuen Texten umgeformt. Die Bilder am Rande kopieren alle verfügbaren Vorlagen für bunte Gartenlandschaften, biblische Szenen und die Darstellung der Nonnen beim Orgelspielen – und zwischenrein sind Papierschnipsel aus Einblattdrucken geklebt, Schleierstücke eingenäht und das Gold kräftig über alles gepinselt. Was sie damit für die Frauen in Lüneburg, der Stadt, aus der fast alle Nonnen stammten, schufen, würde im gegenwärtigen britischen Uni-Speak als "outreach" und "widening participation" bezeichnet werden: Sie ermöglichten den Laien eine Teilhabe an geistlichem Wissen, das bis dahin vor allem in Norddeutschland immer noch weit gehend innerklösterlich und lateinisch zirkulierte.

Wie setzen Sie Ihre Erkenntnisse in Veröffentlichungen um?

Bislang ist das meiste von dem, was ich zu den Medinger Handschriften publiziert habe, aus Vorträgen entstanden. Diesen Frühling werde ich in Medingen selbst über die besondere Bedeutung der Apostelverehrung für die dortigen Nonnen sprechen und in der Osterwoche in Kloster Mariensee bei Neustadt einen Workshop-Tag zur Osterliturgie der Frauenklöster leiten – auf dass der "outreach"-Impuls der Nonnen weitergeführt wird!

Mein Hauptziel ist es aber, die Internetseiten zu den Medinger Handschriften weiter auszubauen. Dort soll es möglich werden, die jetzt in alle Welt verstreuten Handschriften in digitaler Abbildung und in Editionen virtuell wieder zusammenzuführen. Daneben arbeite ich auch an einer traditionellen Edition und Monographie zu den Gebetbüchern, aber im Grunde ist der digitale "open access" das den Handschriften angemessenere Medium. Über 5000 Aufnahmen von Handschriftenseiten sind digital vorhanden, aber die Veröffentlichungsrechte in mehreren Ländern zu verhandeln ist mühsam. Glücklicherweise arbeiten die Zeit und die Erkenntnis der Bibliotheken, wie wichtig eine inhaltlich überzeugende Internetpräsenz ist, für das Projekt.

Sie sind Lehrstuhlinhaberin an einer englischen Universität, haben aber auch reichlich Universitätserfahrungen in Deutschland gesammelt. Wo liegen denn für Sie die wesentlichen Unterschiede?

Nun, dazu ließe sich ein langer, durchaus polemischer Aufsatz schreiben, beziehungsweise eher eine ganze Diskussionsrunde gestalten. Was mich am Anfang nach Großbritannien gelockt hat und weiterhin überzeugt, sind die sehr viel flacheren Hierarchien und eine andere Kollegialität – nicht nur innerhalb des Lehrkörpers, sondern auch im gesamten Verwaltungsbereich.

Obwohl ich ein Jahr in Edinburgh studiert hatte und ein Jahr in Oxford während meiner Habilitation verbrachte, hätte ich doch nicht gedacht, dass die Alltagserfahrung als Professorin an einer großen englischen Forschungsuniversität so anders als meine Zeit als Dozentin in Tübingen und Zürich sein würde. Viel hängt natürlich auch mit meinem Fach zusammen: als Germanistin, selbst in der Mediävistik, war ich in Tübingen Vertreterin eines Massenfaches. In Newcastle ist Deutsch (wie in Großbritannien alle Fremdsprachen) ein Orchideenfach.

"German Studies" ist im Grunde ein kulturwissenschaftliches Studium. Unsere Absolventen gehen in einem Land, in dem Fachkräfte mit Fremdsprachenkenntnissen Mangelware sind, nicht wie in Deutschland in die Lehrerberufe oder traditionelle geisteswissenschaftliche Tätigkeiten, sondern in den Auswärtigen Dienst, internationale Konzerne oder spezialisieren sich gleich als Übersetzer und Dolmetscher.

Natürlich ist die Bibliotheksausstattung auch die eines kleinen Faches, aber dafür wird unglaublich viel generell in E-Medien und den elektronischen Zugriff auf Zeitschriften, aber auch ganze Verlagsprogramme investiert. Da gerade die Mediävistik führend in der Digitalisierung von Quellen ist und die DFG vorbildhaft darin ist, auf die öffentliche Zugänglichkeit von von ihr geförderten Katalogisierungen etc. zu bestehen, ergänzen sich englisches und deutsches System. Die Literaturbeschaffung geht für mich dadurch jetzt schneller als in meiner Tübinger Assistentinnenzeit.

Sie leben und forschen schon seit 2006 in England – haben Sie Heimweh?

Im Grunde beschäftige ich mich sehr viel mehr mit Deutschland als ich es je vorher getan habe, denn ich fand mich auf einmal nicht nur als akademische Lehrerin, sondern auch automatisch als Vertreterin Deutschlands wahrgenommen. Das ging so weit, dass ich - ohne die geringste Ahnung von Fußball - als Universitätsrepräsentantin zu einem Freundschaftsländerspiel England-Deutschland geschickt wurde, wo mir dann zu meiner Verblüffung von den amtskettenbehängten Oberbürgermeistern von Newcastle und Gelsenkirchen, der Partnerstadt von Newcastle, ein Kunstwerk in Anerkennung der verdienstvollen Arbeit der "German Studies" in den letzten 50 Jahren überreicht wurde.

Und ich reise viel mehr durch Deutschland als ich mir vorgestellt oder auch geplant habe: Erasmus-Besuche bei unseren Studierenden in ihrem Auslandsjahr, in dem sie auf Universitäten von Rostock bis Tübingen verteilt sind. Tagungen, bei denen man auch als "Auslandsgermanistik" zwecks Internationalisierung eingeladen wird. Bibliotheksreisen, um Handschriften nachzustöbern – das lässt sich gut mit Familienbesuchen und der Pflege des privaten Netzwerks verbinden. Dazu kommt ein reger Besucherstrom: Newcastle als mittelalterliche Stadt mit dem Hadrianswall und der burgenreichen Nordseeküste ist ein idealer Urlaubs- und Tagungsort.

(© Ellen Taraba)


Workshop mit Angelika Overath, Writer in Residence | Henrike Lähnemann mit der Schriftstellerin Angelika Overath (zweite von links) nach einem gemeinsamen Workshop


Welches Angebot in Deutschland könnte Sie denn verlocken wieder zurückzukommen?

Ein Angebot, das es mir ermöglichen würde, das Leben in den beiden akademischen Welten fortzusetzen – eine Gastdozentur oder Forschungskooperation wäre mir jederzeit willkommen. Ich denke, dass die europäische Vernetzung immer wichtiger werden wird. Dabei sind die britischen Universitäten durch ihre schon viel länger international aufgestellte Dozentenschaft (mehr als die Hälfte des Lehrkörpers in unserer "School of Modern Languages" sind keine Briten) ein ganzes Stück weiter. Wenn ich davon etwas an einer deutschen Institution einbringen könnte, ohne die Brücken nach Newcastle und zu der eingeschworenen Germanistikgemeinschaft der Insel aufgeben zu müssen, wäre das etwas, was mich durchaus reizen würde.

Sie sind Präsidentin der "Women in German Studies", des Berufsverbandes der Germanistinnen (UK) – was sind im Wesentlichen Ihre Aufgaben?

Wichtig ist mir vor allem, Postgraduates und jüngeren Kolleginnen Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten zu geben. Das kann auf den jährlichen Tagungen geschehen, über Workshops zu berufsbezogenen Themen und die interne Mailingliste mit Jobangeboten, Informationen über Forschungsinitiativen etc. Nach außen hin ist es die Vertretung bei den nationalen Gremien - etwa Benennung von Kandidaten für die REF-Panel (Research Excellence Framework – die riesige Wissenschaftsevaluierungsmaschine, die in zwei Jahren wieder anlaufen wird und bei der jetzt die Gremien gebildet werden). Es ist auch die Zusammenarbeit mit den anderen Verbänden – den Schwesterorganisationen der "Women in French Studies" bzw. "Spanish, Portuguese and Latin American Studies".

Welche politischen Einflussmöglichkeiten besitzt dieser Berufsverband von Akademikerinnen?

Gerade steht die Germanistik im Kreuzungspunkt zweier ganz widersprüchlicher Trends, die sich noch nicht abzeichneten, als ich das Amt vor 18 Monaten übernahm, und die durchaus Einflussnahme ermöglichen. Die Rezession und enormen Etatkürzungen bei den Universitäten bedrohen die Frauen in den kleineren geisteswissenschaftlichen Fächern: Wir arbeiten mit vielen Teilzeitkräften, die besonders schnell von Entlassung betroffen sind. Andere Universitäten nutzen die Lage angesichts eines enorm gestiegenen Evaluierungsdrucks zu gezielten Entlassungen von nicht-professoralen Lehrkräften, um sich ganz auf Spitzenforschung zu konzentrieren.

Umgekehrt hat sich seit dem Regierungswechsel ein erstaunlicher Wandel in der Einschätzung von Fremdsprachen trotz bzw. wegen der negativen wirtschaftlichen Lage abgezeichnet: Es herrscht ein eklatanter Mangel an Universitätsabsolventinnen und -absolventen mit Fremdsprachenkompetenz, die auch "Kulturkompetenz" beinhaltet. So wurde ich mit Universitäts- und Verbandsvertretern der Fremdsprachenfächer im Oktober zum FCO (Foreign and Commonwealth Office) eingeladen, um darüber zu beraten, wie sich die britische Bewerberzahl für die EU steigern ließe. Fremdsprachen sind zu "strategic and vulnerable subjects" erklärt worden. Fremdsprachenunterricht an Schulen wird in die allgemeine Schulbewertung aufgenommen und soll wieder verpflichtend werden – aber es fehlt an Lehrerinnen und Lehrern. Eine Umbruchssituation also, die spannend ist, aber auch viele Kräfte für Anträge bindet, um beispielsweise ein Erfolgskonzept wie "Routes into Languages", bei dem unsere Studierenden an die Schulen gehen, um dort als "Botschafter" für Sprachen zu werben, fortsetzen zu können.

Hatten Sie eine Mentorin oder einen Mentor?

In gewisser Weise waren Mentoren für mich immer mit den englischen Universitäten verbunden: Nigel Palmer, der mich für ein Feodor-Lynen-Jahr nach Oxford einlud, hat in der Zeit die Rolle eines kritischen Freundes übernommen. Als ich dann nach Newcastle kam, war "mentoring" Teil des "Induction Process". Ich hatte und habe das große Glück, dass meine fachlich engste Kollegin, Elizabeth Andersen, gleichzeitig "Head of School" ist - Einführung in das Uni-System und Fachgespräche gingen da Hand in Hand.

Würden Sie sich als "Einzelkämpferin" bezeichnen, oder haben Sie sich immer mehr als Mitglied einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gesehen?

Nachdem ich eher als Einzelgängerin studiert hatte, war für mich die Schlüsselerfahrung das Leben im "Theologischen Stift" in Göttingen während meiner Promotionszeit - mit täglichen Plenumssitzungen und gemeinsamen politischen Aktionen, für die ich als "Hausgermanistin" zur Flugblatt- und Redenschreiberin wurde. Von da an habe ich immer das gemeinschaftliche wissenschaftliche Arbeiten und Agieren gesucht. In Tübingen war es das "Nachwuchsforum", das zuerst dank Geldern der Frauenkommission spontan mit einem gemeinsamen Wochenende der mediävistischen Doktorandinnen und Habilitandinnen begann. Das hat sich dann zu einem peer-mentoring Forum entwickelt - die Männer, die beim germanistischen Nachwuchs immer weniger waren, wurden dann auch mit einbezogen - das für mich während der Habilitation einer der wichtigsten Stützpunkte war, um Ideen im "professorenfreien Raum" zu entwickeln.

Was möchten Sie dem studentischen Nachwuchs mit auf den Weg geben?

Sich die wissenschaftliche Neugier nicht vertreiben zu lassen, und das zu machen, was einen wirklich interessiert.

Und was haben Sie vielleicht schon selbst als Anregung von den Studierenden für sich aufgenommen?

(© Franziska Schulz)


Workshop Poetry and Translation | Henrike Lähnemann beim Workshop "Poetry and Translation" mit Carolyn Murphey Melchers (zweite von links) und Henning Ziebritzki (rechts außen)
Insgesamt eine neue Wertschätzung von Übersetzen in allen seinen Spielarten als wissenschaftlicher Erschließungsprozess. Mehrsprachigkeit als mittelalterliches Phänomen hatte mich schon länger beschäftigt, aber das auch mit der Unterrichtserfahrung des Übersetzens von Mittelhochdeutsch ins Englische und von englischen Texten ins Deutsche zu verbinden, hat mein Sprachbewusstsein noch ganz anders geschärft.

Gibt es ein Herzensprojekt für die Zukunft?

Definitiv die Medinger Handschriften digital so präsentieren zu können, dass sie sich einem weiten Publikum erschließen: mit Musikaufnahmen, digitalisierten Bildern und Texterschließung. Und das einzubinden in das übergreifende Projekt, das Elizabeth Andersen und ich seit einem Jahr verfolgen, nämlich eine Geschichte der norddeutschen Mystik, die Gedankengut von Mechthild von Magdeburg im 13. Jahrhundert über die Entfaltung des Hanseraums und die Einflüsse der aus den Niederlanden kommenden "devotio moderna" bis in die Neuzeit nachverfolgt.


Frau Prof. Lähnemann, herzlichen Dank für das Interview.

Das Interview führte Stephanie Hanel
  (© AcademiaNet)
 
 

Nähere Information zu

 

Links zum Thema


Warum anmelden?
 


Passwort vergessen?
Neuanmeldung


Partner



Nachrichten

  1. Neueste Nachrichten aus dem Weltall

    Frau Prof. Eva Grebel erforscht die Entwicklungsgeschichte unserer Milchstraße anhand naher Zwerggalaxien, Dr. Lisa Kaltenegger arbeitet an der Beschreibung der Atmosphären von Planeten um andere Sterne. Im Gespräch mit AcademiaNet machen die beiden Heidelberger Astronominnen anschaulich ihren Forschungsalltag erfahrbar.

  2. Wildvögel reagieren unterschiedlich auf die ersten langen Tage des Jahres

    Die länger werdenden Tage des Spätwinters sind ein wichtiges Signal, das die Fortpflanzungsaktivität vieler Tiere anregt. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie habe nun herausgefunden, dass die Tageslänge unterschiedliche Auswirkungen auf die Genaktivität im Gehirn bei Kohlmeisenpopulationen aus Mittel- und Nordeuropa hat.

  3. Neue menschliche Krankheit entdeckt

    In einer weltweiten Kooperation unter Leitung von Prof. Leena Bruckner-Tuderman, Ärztliche Direktorin der Universitäts-Hautklinik Freiburg, konnten Wissenschaftler eine neue Krankheit identifizieren. Die Krankheit ist komplex und weist Symptome in mehreren Organen auf.

  4. Bakterien: Empfindlich wie die Prinzessin auf der Erbse

    Die empfindsame junge Dame im Märchen spürt die Erbse durch viele Lagen Matratzen hindurch und entpuppt sich dadurch als wahre Prinzessin. Physiker und Mikrobiologen der Universität des Saarlandes konnten in zwei neuen Studien zeigen, dass Bakterien und Proteine ähnlich empfindsam sein können. Diese Erkenntnisse können dabei helfen, zum Beispiel antibakterielle Beschichtungen und medizinische Implantate zu verbessern.

  5. Kieler Wissenschaftler in DFG-Fachkollegien gewählt

    14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) sind für den Zeitraum 2012 bis 2015 in Fachkollegien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gewählt worden.